Der RSV Germania 03 hat den zur Winterpause in der unwahrscheinlichen Schublade abgelegten Aufstiegstraum doch noch verwirklicht. Dank eigener souverän bewältigter Pflichterfüllung (9:0 bei Türk Gücü Darmstadt II, Sieg Nummer Siebzehn am Stück) plus primär ehrenhafter Schützenhilfe von B-Klassen-Meister FSV Schneppenhausen beim Gipfeltreffen in St. Stephan (2:0) kletterte das Sensationsteam der vergangenen Monate in letzter Sekunde auf die zweite Tabellensprosse, welche zur direkten Beförderung in die Kreisliga A berechtigt.
Das finale Ligamatch an der Heinrichstraße war längst abgepfiffen, als trotz Kenntnis des positiven Zwischenresultats vom abhängigen Konkurrenz-Schauplatz sämtliche Ohren der Offiziellen und Fans am Handy klebten. Gemäß der Floskel „ich hab schon Gäule vor der Apotheke erbrechen sehen“ und den Erfahrungen mit Nachspielzeit-Dramen (hier sei nur an die königsblaue Tragödie 2001 erinnert) trauten die Berufspessimisten dem Braten noch nicht. Schließlicht wollte man partout nicht als „Drittplatzierter der Herzen“ in die Annalen eingehen.
Als die „germanischen Spione“ endlich grünes Licht aus dem Griesheimer Stadtteil gen Erzhausen funkten, brachen postwendend alle Dämme. Ausgerechnet auf der Kunstrasenwiese des SVE, wo sich der Rasensportverein in der jüngeren Vergangenheit mehrfach eine Tracht Ergebnisprügel abholte, feierte die aktuelle Elf nach zwei Jahren B-Liga – Tristesse eine Art Wiederauferstehung. Solche Märchen schreibt halt nur der Fußball. Bierduschen überschwemmten den Ground, denen sich selbstredend auch Erfolgscoach Ben Talib nicht entziehen konnte. Trotz imposanten 11,9 Sekunden auf hundert Meter war seine Double-Versuch von „Kimble auf der Flucht“ zum Scheitern verurteilt.
Bereits vor dem Abstoß waren einige Protagonisten vor Gänsehaut nicht gefeit. Mit einer würdevollen Laudatio und einer wunderbar konstruierten Torjägerkanone nebst Porträt würdigte der sportliche Leiter Fabienne Rippert den saisonalen Schützenkönig Max Meier, dem aufgrund von bis dahin 54 vorgelegten Kreisliga B- Treffern die Krone nicht mehr zu entreißen war. Im Spiel bedankte sich Meier anhand von zwei weiteren Einschweißungen, so dass der Graveur neunzig Minuten später die sagenhafte Zahl 56 einritzen durfte.

Der haushohe Favorit hatte während der Anfangsphase seine Probleme, um den Wettbewerbsunterschied in die korrekte Bahn zu lenken. Erst als die restlichen Fans aus Pfungstadt eintrudelten (einige der zahlreichen Busse quälten sich durch den Autobahn-Stau), ließ der aufgerückte Verteidiger Paul Wolf alle Knoten platzen. Mit dem 2:0 (fulminanter Kracher unter das Dach) knackte Marlon Velez Gomez den nächsten Vereinsrekord und übertrumpfte den aus 2008 datierten alten High Score von 124 Treffern binnen einer Saison.
Bis zur Pause ballerten die Germanen einen 5:0-Vorsprung heraus und konnten sich nach dem Seitenwechsel neben der formidablen Score-Aufstockung auf die Botschaft-Scouts konzentrieren. Als in der 65. Minute nach einem Mittelfeldgeplänkel auf der RSV-Bank urplötzlich Freudensprünge das idyllische Szenario bereicherten, schüttelten die Lokalmatadore verständnislos den Kopf. Erst das Erklärung-Prozedere des blau-weißen Anhangs, dass Schneppenhausen zwanzig Kilometer entfernt die Führung markiert hatte, besänftigte die Überraschung der heimischen Zuschauer.
Der identische Vorgang wiederholte sich in der Schlussphase, als die Überlieferung des Schneppenhäuser 2:0 publik wurde. Derweil war es in Erzhausen natürlich Max Meier vorbehalten, das letzte und 132. Saisontor in den Maschen zu versenken. Wenige Sequenzen später war der elfte Aufstieg seit der Wiedergründung 1950 in trockenen Tüchern und die Festtags-Orgie konnte beginnen: Zunächst auf dem Platz, dann im Kabinentrakt, später im Kreise der Germania-Familie am Grünen Steg und so weiter und so fort. Wer im Vorfeld für den Montag einen Tag Urlaub eingereicht hatte, dem schien die Sonne ins Antlitz...
Die allererste Glückwunsch-Nachricht kreiselte bereits wenige Minuten nach Feierabend über den Äther. Statt dem nach besseren Umfragewerten ringenden Bundeskanzler gratulierte ein Teil der auf Mallorca weilenden Altherren-Delegation. Die Absender-Stätte mit ihrem Synonym als siebzehntes Bundesland passte optimal zum umgedichteten Peggy March – Evergreen der germanischen Feierbiester: „Mit siebzehn Siegen im Rücken hat man auch künftig in der A-Klasse noch Träume…“.
Aufstellung: Rehak, Sabbagh (46. Morris), Buth, Wolf, Dommert (55. Merzak), Fernandes, Velez Gomez, Meier, Köroglu, Rippert (61. Caruso), Laston (77. Hakimi)
Tore: 0:1 Wolf 16. 0:2 Velez Gomez 20. 0:3 Wolf 24. 0:4 Laston 37. 0:5 Buth 41. 0:6 Meier 46. 0:7 Buth 55. 0:8 Velez Gomez 76. 0:9 Meier 90.
Nach vier Spielzeiten Kampf um den Klassenerhalt, in denen man beim Blick auf die Abschlussbilanz nonstop jeweils weit über hundert Einschläge beklagte, hat sich der kickende Traditions-Vertreter mit mehreren internen Rekorden der Nachkriegsgeschichte eindrucksvoll zurück gemeldet: 17 Punktspielsiege am laufenden Band (die Sensationsserie kann ja ab August beim Re-Start eine Etage höher noch beliebig fortgesetzt werden), der höchste Liga-Dreier (15:3 gegen Hähnlein), den effektivsten Torschützenkönig ever (Max Meier 56) sowie mit 132 Buden die meisten Treffer erzielt.
Ein Löwenanteil an dieser sportlichen Renaissance gebührt zweifellos Ben Talib, dem fast auf den Tag genau zehn Jahre nach seinem ersten Übungsleiteraufstieg (29. Mai 2016 Meister der Kreisliga A) gleich im ersten Jahr seines Comebacks als RSV-Trainer die emotionale Transformation vom Abstiegskandidaten zur Spitzenmannschaft glückte. Big Ben ist zweifellos nicht nur am Nordufer der Themse, sondern auch am Gestade der Sandbach ein schillerndes respektive deutlich vernehmbares Wahrzeichen.
Zum Kehraus noch ein paar weitere statistische Fakten einer Runde, die mit Sicherheit ein eigenes Kapitel im prallen Almanach erhält. Insgesamt warf Ben Talib 32 Germanen ins kalte Kreisliga B – Wasser der Saison 25/26. Dabei verdiente sich Max Meier neben der Torjäger-Kanone auch das Zertifikat des proaktivsten Spielers und stand als einziger in sämtlichen Partien auf der Wiese.
Alle Einsätze und Tore:
Max Meier 30/56, Mehmet Köroglu 28/14, Maurice Rippert 28/8, Marlon Velez Gomez 27/8, Kevin Caruso 22/2, Paul Wolf 22/3, Niklas Buth 21/3, Ali Al Hadid 21/-, Robert Botezatu 20/6, Ouail Kalai 26/-, Nikola Rehak 25/-, Markus Laston 21/11, Patrick Dommert 17/2, Ranbiur Singh 15/-, Miloud Merzak 15/1, Bilal Sabbagh 12/1, Lashun Morris 12/-, Souhail Tabtab 11/-, Mujtaba Hakimi 10/-, Justin Daum 7/4, Vito Lamaruggine 6/2, Hishyar Ibo 5/5, Marcel Wesp 5/-, Tawfik Tammo Atie 4/-, Mauro Fernandes 4/1, Sergio Rodrigues 2/-, Luciano Savino 1/-, Saban Neziraj 1/-, Felmon Meskel 1/-, Lukas Dommert 1/-, Juniour Kyei 1/-, Mohannad Aldibo 1/-. Viermal war ein gegnerischer Abwehrrecke den Germanen wohlgesonnen und lenkte den Ball ins eigene Netz.
Die 1-B schlug das Kreisliga C – Buch 25/26 ebenfalls mit einem Ergebnis – Paukenschlag zu (7:1 im Derby beim SV Hahn II) und beendete die Runde auf der neunten Ranking-Position (75:78 Tore, 34 Punkte).
Der RSV Germania 03 bedankt sich bei allen blau-weißen Protagonisten, die ihr Scherflein zum Aufschwung beitrugen und wünscht jedem einzelnen, dass der Akku während einer hoffentlich erholsamen Sommerpause wieder funktionell aufgeladen wird. Die Never Ending – Story des 123-jährigen Kultklubs geht in der A-Klasse weiter. Glückauf!


