Es ist wieder höchste Eisenbahn für eine Justierung des Fluxkompensators, um den in der Garage verstaubten DeLorean DMC-12 zurück in die Vergangenheit zu schicken. Doc Emmett Brown hat soeben die Zeit-Schaltkreise auf den 26. Mai 1977 programmiert. Bekannterweise der Tag, an dem sich mit dem RSV Germania 03 und dem FC Schalke 04 zwei blau-weiße Traditionsvereine von Schrot und Korn bis dato letztmals zu einem kickenden Rendezvous verabreden.
Während der 1970er-Dekade steht dieses Kultduell in den Gourmet-Lokalen zweimal auf jeder Spezialitäten-Seite der Fußball-Speisekarte. Die interne Uraufführung erquickt schlappe anderthalb Wochen nach dem WM-Finale 1974 und gut zwölf Monate nach dem ersten „Pungschter“ Hessentag sämtliche romantische Seelen. Zur Vorbereitung auf die Saison 74/75 pilgert der Schalker Lindwurm zum Match-Debüt in das idyllische Städtchen zwischen den Autobahnen und hält eine deutlich hörbare Laudatio über den Terminus Klassenunterschied.
Das horrende Endergebnis von 10:0 pro Königsblau wundert seinerzeit kaum einen der fast 5000 Kiebitze, die das altehrwürdige Terrain an der Ostendstraße in einen Hexenkessel verwandeln und einen Zulauf-Rekord für die germanische Ewigkeit zementieren. Den gerade aus der Kreisliga B ins nächst höhere Stockwerk umgesiedelten Underdog trennt eine Diskrepanz von sieben Ligen vom etablierten Bundesligisten aus dem Kohlenpott. Neidlos muss die akkurat frisierte Torwart-Ikone Seppl Krautzberger akzeptieren, dass S04-Legende Stan Libuda nicht nur an Gott, sondern auch an ihm selbst vorbei kommt.
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Knapp drei Jahre darauf beamt sich der Rasensportverein dank einem sensationellen Durchmarsch (drei Aufstiege binnen vier Runden) in die viertklassige Gruppenliga Süd (heute sechstklassige Verbandsliga) hoch. Ein 2:2 im Derby beim mit den späteren germanischen Symbolfiguren Reinhard Pühler, Wilhelm Huxhorn und Horst Drott auflaufenden Nachbarn TSV Pfungstadt perfektioniert vor 2000 Zuschauern den überragenden Triumph.
Beflügelt vom sportlichen Höhenflug kontaktiert Spielausschussmitglied Reinhard Schick seinen Kumpel Friedel Rausch und bittet den amtierenden Schalke-Trainer um eine Revanche. Obwohl die königsblauen Vermächtnis-Verwalter von Ernst Kuzorra, Fritz Szepan, Berni Klodt und Manni Kreuz wegen einem weniger eingetüteten Zähler gegenüber den Gladbacher Fohlen gerade haarscharf die Meisterschaft verpasst haben (ein Schicksal, das den Knappen auch im nächsten Millennium treu blieb), ist der frisch gekürte „Vize“ sofort Feuer und Flamme.
Als Datum für die Reinkarnation des in Blau und Weiß gehüllten Knüllers wird der 26. Mai 1977 (Christi Himmelfahrt respektive Vatertag) fixiert. Rucki Zucki versetzt die Fahndung nach Eintrittskarten ganz Südhessen in einen Hype. Bereits am ersten Tag des Vorverkaufs wandern 2000 Tickets über die Ladentheken. Mit Hilfe einer ad hoc errichteten Zusatztribüne stehen genauso viele Sitzplätze zur Verfügung, so dass insgesamt ca. viereinhalb Tausend Fans den Grünen Steg umzäunen. Der mythische Name „Schalke“, an dessen Strahlkraft kaum ein anderer nationaler Klub heranreicht, elektrisiert erneut die ansonsten beschauliche Modau-Metropole.
Lediglich zwei eingeladene Ehrengäste deklarieren per Fax ihre Abstinenz mit plausiblen Entschuldigungen: John Wayne muss an seinem parallelen 70. Geburtstag für die runde Wiegenfest-Gesellschaft über dem Teich das Lasso schwingen, während der extrem gestresste Bundeskanzler Helmut Schmidt kettenrauchend seiner Sekretärin einen neuen Bericht aus Bonn zur Problematik des nahenden deutschen Herbstes diktiert.
Ansonsten ist die von Bürgermeister Justus Ahlheim angeführte Prominenz geballt vor Ort und auch der Autor dieser Story darf erstmals nach seiner 16 Jahre zurückliegenden Entbindung persönlich eine Autogrammkarte signieren. Aufgrund markanter Oberbekleidung (dank Expansion des elterlichen Taschengeldes importiertes Trikot aus Gelsenkirchen) wird der Teenager von einem blutjungen Pimpf als Schalke-Spieler geoutet und zeichnet den flehenden Wunsch des Nachwuchs-Knappen freundlicherweise per Kauderwelsch-Unterschrift ab.
Entgegen der von Friedel Rausch im Verlauf einer Vorbesprechung in Eschollbrücken getätigten Aussage („Wir treten mit der stärksten Elf an“) fehlen auf der Floßfahrt vom Emscher-Strand ans Sandbach-Ufer eine Handvoll personeller Korsettstangen. Talent Uli Bittcher laboriert an einem Handbruch, Branko Oblak managt an der Säbener Straße seinen bevorstehenden Umzug an den Weißwurst-Äquator und das Terzett Klaus „Tanne“ Fichtel, Jürgen Sobieray sowie Erwin Kremers weilt schon im Urlaub, so dass Helmut Kremers trotz Sternzeichen des Zwilling ohne seinen Twin den Ball jonglieren muss.
Vom 1974er-Aufgebot sind noch Aki Lütkebohmert und das kongeniale Sturmduo Klaus Fischer / Rüdiger Abramczyk alias Mr. Fallrückzieher & Flankengott an Bord. Dazu gesellen sich neben Helmut Kremers der 32fache jugoslawische Nationalkeeper Enver Maric, Abwehrhüne Rolf Rüßmann, „Spargeltarzan“ Hannes Bongartz, Pferdelunge Manfred Dubski plus einige Juwelen der berühmten Knappenschmiede. Matthias Schipper, Thomas Lander, Hans-Peter Mentzel und Friedhelm Schütte holten zwölf Monate zuvor am Herner Schloss Strünkede durch ein 5:1 über den Revier-Rivalen RW Essen die A-Jugend – Meisterschaftsschale an den Schalker Markt.
Beinahe hätte Friedel Rausch den Anstoß von Schiedsrichter Brinkmann (nicht verwandt oder verschwägert mit dem Chefarzt der Schwarzwaldklinik) versäumt. Auf der grünen Wiese läuft noch das feminine Vorspiel zwischen den Damen-Mannschaften des TSV Eschollbrücken und Sportfreunde Heppenheim (Endstand 1:1), als sich der Schalker Head-Coach endlich dem übervölkerten Publikum präsentiert. Anlass für die verzögerte Präsenz ist seine kurzfristige Exkursion-Erfahrung, dass alle Wege nach Rom führen (Augenzeuge des Europapokal-Finale FC Liverpool vs. Borussia Mönchengladbach, das die „Reds“ im Stadio Olimpico mit 3:1 für sich entscheiden.
Kaum im Pfungstädter Industriegebiet angekommen, traut Rausch den Augen nicht, weil seine Schützlinge viel zu schlafmützig agieren. Eilig flüstert „Co“ Uli Maslo seinem Boss zu, dass einige Spieler den Ausflug in die ewige Stadt ausgenutzt hatten, um im eigenen Lorscher Übernachtungsdomizil „Hotel Sandhas“ auszubüxen und nach dem Motto „Lieber Bata Ilic und Roberto Blanco statt Schorsch Weber und Joe Borchard“ der anrainenden Disco bis in die Morgenstunden ihre ausschweifende Aufwartung zu erweisen.
Dementsprechend kreiselt (Nomen est omen) das Schalker Team etwas benommen über den Parcours. Vielleicht trägt ja auch der aromatische Duft des angrenzenden Brotwebers seinen Part dazu bei. Derweil hieven die Bezirksliga-Champions des Rasensportvereins ihr Karriere-Highlight natürlich keineswegs auf die leichte Schulter. Der scheidende Übungsleiter Willi Stix muss in seinem Abschiedsspiel vor der Staffel-Übergabe an Nachfolger Peter Walz auf den vom Oberligisten VfR Groß-Gerau verpflichteten Neuzugang Volker Rapp verzichten (der HFV legte wegen dessen Kader-Nominierung ein Veto ein), aber die Mannschaft erkämpft sich trotzdem ebenbürtige Anteile und demonstriert den Knappen ihr Paroli-Vermögen.
Wenngleich der in der sommerlichen Rangliste des Kicker-Sportmagazins hinter Rolf Rüßmann - also seinem Pendant auf der anderen Seite -, Katsche Schwarzenbeck und Ede Westenberger auf Stufe 04 der besten deutschen Vorstopper gelistete Gerd Crößmann Neu-Nationalspieler Klaus Fischer (feierte wegen der leidigen Meineid-Affäre erst vier Wochen zuvor sein Debüt und steuerte beim 5:0 gegen Nordirland prompt zwei Buden bei) prinzipiell gut im Griff hat, entwischt ihm der zur Schalker Führung einköpfende Goalgetter einmal. Die zuliefernde Flanke wird ausnahmsweise nicht vom Abi, sondern von Hannes Bongartz abgeschickt. Weitere Chancen entschärft der blendend disponierte Goalie Helmut Gass.
Im zweiten Durchgang schnuppern die Germanen mehrfach am Ausgleich. Konform zum aktuellen Ohrwurm von Toni Holiday tanzt der höherklassig gestählte Knipser Klaus Wolf (früher SV98, VfR Bürstadt, FSV Frankfurt) Samba mit Helmut Kremers und locht zum frenetisch bejubelten 1:1 ein. Die Euphorie währt allerdings nur vier Minuten, bis Hans-Peter Mentzel die Kugel zum finalen 1:2-Score über die Linie bugsiert. Trotz dieser adäquaten Bewerbung war dem Schalker Amateur ein Profi-Einsatz in der Bundesliga versagt. Alternativ verdiente er sich seine Meriten während den folgenden Jahren auf der Zweitligabühne bei Bayer Uerdingen, Arminia Hannover und Fortuna Köln.
In der Schlussphase spielt der Hausherr Harakiri und drängt auf die neuerliche Egalisierung. Enver Maric riskiert Kopf und Kragen, um den Abschluss von Michael Klöppinger zu neutralisieren und ein Heber von Knut Gerhardt zischt um Haaresbreite über den Kasten. Kurze Zeit später ist Schicht im Schacht und der Außenseiter kann mit Fug und Recht behaupten, dass man sich exzellent verkauft hat. Auch Friedel Rausch findet bezüglich der germanischen Performance lobende Worte auf der Pressekonferenz: „Eine phänomenale Truppe! Da sind ein paar alte Füchse drin, mit denen man kein Jo-Jo spielen kann…“.
Aufstellungen:
Helmut Gass, Georg Weber (50. Thomas Trillig), Jürgen „Joe“ Borchard, Gerd Crößmann, Manfred Wolter, Wolfgang Aßmuth, Herbert Wolf, Hubert Schumacher (66. Knut Gerhardt), Bernhard Wesp, Klaus Wolf, Bernd Steinmetz (29. Michael Klöppinger) / Trainer Willi Stix
Enver Maric, Manfred Dubski, Rolf Rüßmann, Helmut Kremers, Herbert „Aki“ Lütkebohmert, Matthias Schipper, Thomas Lander, Hans-Peter Mentzel, Hannes Bongartz, Rüdiger Abramczyk, Klaus Fischer, Friedhelm Schütte / Trainer Friedel Rausch
Tore: 0:1 Fischer 24. 1:1 Klaus Wolf 63. 1:2 Mentzel 65.
Zuschauer: 4500
So, genug in der Vergangenheit gewühlt. Das meint auch Doc Brown, der den DeLorean inzwischen wieder im Jahr 2026 geparkt hat. Was bleibt, ist die unauslöschliche Erinnerung für jeden Germanen des älteren Semesters. Der FC Schalke 04 hat nachhaltig seine Spuren in Pfungstadt hinterlassen. Und vielleicht gelingt es ja eines Tages, die Knappen zu einem dritten Stelldichein am Grünen Steg zu begeistern.
Gude und Glückauf
Das Objekt der Begierde: Die Eintrittskarte Schalke-Betreuer - Legende Charly Neumann, RSV-Vorsitzender Wilhelm "Archi"
Crößmann und Reinhard Schick

Schalke - Kapitän Klaus Fischer mit dem Siegerpokal Unbekannter Schalke-Fan vor dem Spiel am 26.05.1977

