Unfreiwillige Zwangspausen (Zwiebelmarkt-Spielverlegungen beim SV Croatia Griesheim) ebnete den germanischen Chronischen die Option, um abermals im Archiv zu wühlen und den vor wenigen Monaten publizierten Artikel „Geburt- und Flegeljahre eines Traditionsvereins“ über die sportliche Pionier-Epoche weiterzuspinnen.
Jenes Eröffnungskapitel endete abrupt in Sarajevo durch den Ausbruch des ersten Weltkriegs am 28.06.1914. Die komplette Mannschaft des elf Jahre jungen „Fußballklub Germania 03“ wurde zum Heeresdienst eingezogen. Zwischen 1914 und 1918 fielen insgesamt 35 Vereinsmitglieder dem fürchterlichen Weltenbrand zum Opfer. Während das alte Europa in Schutt und Asche lag, machte sich die lange Kriegsdauer aufgrund Einbuße der germanischen Platzanlage an der Bornmühle auch strukturell in den Pfungstädter Gefilden bemerkbar.
Schon zwei Wochen nach dem erlösenden Waffenstillstand im Wald vom Compiegne am 11.11.1918 fanden sich erfreulicherweise mehrere Germania-Nestoren zusammen. Ergriffen ob der Sehnsucht nach einem neuen Kick-Gelände sangen sie zu später Stunde vor dem Lagerfeuer: „Heimatlos sind viele auf der Welt“. Auf Einladung vom Vereinsvorsitzenden Peter Grund ehrte eher zufällig auch Edith Nidl die illustre Runde mit ihrer Anwesenheit. Die bekannte österreichische Journalistin zeigte sich von Text und Melodie jenes an diesem Abend in Pfungstadt kreierten Musik-Kleinodes derart begeistert, dass sie es ihrem 1931 geborenen Filius Freddy Quinn so lange vorträllerte, bis er es 1957 auf einer preisgekrönten Schallplatte vertonte.
Primär dank dem Einfluss und Engagement des späteren Darmstädter Stadtbaudirektors Peter Grund konnten die Germanen schließlich das Areal des landschaftlich optimal gelegenen Platzes an der Sandbach (heutiges TSV-Gelände) käuflich erwerben und weihten es im August 1920 feierlich ein. Selbst die politische Prominenz ließ es sich nicht nehmen, dieser nachhaltigen Zeremonie beizuwohnen.
Der achtzehn Monate zuvor auf der Weimarer Nationalversammlung zum ersten deutschen Republik-Präsidenten gewählte Friedrich Ebert reiste extra aus dem Berliner Palais an und ignorierte das ironische Fan-Liedgut („Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben“) so galant und souverän, dass der urbane Kommunalpolitiker-Tross die 1954 errichtete Schule gegenüber dem „Drotte-Ständchen“ auf seinen Namen taufte.
Als zwölf Monate darauf die aus technischem Anlass erforderliche Umzäunung fertiggestellt wurde, war zusätzlich eine Transformation des früheren Fußballklubs in einen eingetragenen Verein unumgänglich. Und so wurde im Sommer 1921 der Leumund, welcher bis dato – ergo 105 Jahre darauf - immer noch den kickenden Kosmos in seinen Bann zieht, im Register des Amtsgerichts aufgenommen: „Rasensportverein Germania 03“!!

Nach dem Krieg erlebte der Fußballsport wie keine andere Leibesübung-Kategorie einen blühenden Aufschwung. Insbesondere die blau-weißen Farben-Repräsentanten traten in den Vordergrund. Während in Darmstadt der SV98 sowie in Gelsenkirchen der FC Schalke 04 aus ihren Avantgardisten fusionierten und in den neu erbauten Kulttempeln Böllenfalltor (ab 1921) und Glückauf-Kampfbahn (ab 1928) wirbelten respektive kreiselten, mischte der RSV (endlich kann diese gängige Bezeichnung angewandt werden) auf dem Sportplatz an der Sandbach die Gau Bergstraße des Odenwaldkreises auf.
Dank einer komplett ungeschlagenen Saison durften die Typografen 1921 im achtzehnten Jahr nach der Geburt den Briefkopf bereits mit dem fünften Meistertitel ausstaffieren. Die Qualifikation für das spielstärkste Level des Verbandes machte das Ticket auf Wolke Sieben perfekt. Trotz namhaften Herausfordern sicherte sich der ballverliebte Teenager überraschend den Ligaverbleib, welcher im Rahmen der ersten Pokalrunde durch einen Sensationstriumph beim VfR Mannheim fürstlich garniert wurde.
Wegen „Monnemer“ Unkenntnis über den geographischen Standort („liegt Pfungstadt auf dem Mond?“) musste der RSV auf seinen Heimvorteil verzichten und in der kurpfälzischen Quadratestadt antreten, was immerhin einen warmen Regen von 600 Mark Auslagen-Entschädigung in die Kasse spülte. Der VfR erlebte vor 4000 Zuschauern im eigenen Wohnzimmer als haushoher Favorit sein blau-weißes Wunder und verlor nach Treffern von Georg Hillgärtner und Adam Böttiger (Spitzname „Esser") gegen den krassen Außenseiter 1:2.
Korrespondent Franz Krawutschke bewegte danach im Überschwang den Blätterwald, Lichtjahre vor Apollo 11 die Germanen als „Mannschaft vom Mond“ zu etikettieren. Kein Wunder also, dass die beiden Torschützen Hillgärtner und Böttiger sogar in den DFB-Notizbüchern landeten. Das zuständige Gremium (ein fester Nationaltrainer wurde mit Otto Nerz erst 1926 installiert) nominierte die beiden Offensivrecken für das Länderspiel im Juli 1923 in Schweden. Allerdings litt das Duo konträr zum 1896 abgestürzten entfernten Verwandten Otto Lilienthal unisono an akuter Aerophobie und stornierte seine Teilnahme, wodurch die 1:2-Niederlage im Stockholmer Olympiastadion in den Gazetten erklärt wurde.
Beim Festkommers für das Jubiläumsjahr 1923 waren Hillgärtner und der „Esser“ ohne Nebenwirkungen an Bord. Schließlicht ging der feierliche Akt nicht im fernen Skandinavien, sondern im Saal des „Goldenen Lamm“ über die Bühne. Die Erhabenheit wurde jedoch von einer landesweiten Inflation überschattet, welche natürlich auch den Fußballalltag beeinflusste. Z.B. musste man für einen Liter Milch plötzlich 38000 Mark oder für einen Zentner Briketts 210000 Mark blechen. Im Relation zum damaligen Wucher wirken beim heutigen Discounter-Einkauf die überteuerten Preise fast schon wie ein Schnäppchen...
Dass unter solch verheerenden Wirtschaftsverhältnissen auch ein Sportklub in größere Turbulenzen schlitterte, sollte jedermann einleuchten. Gleichwohl glückte mit dem Support vonn ehrenamtlichen Schweiß das ethische Projekt, auf dem Sportplatz ein von Peter Grund entworfenes Denkmal für die im Krieg gefallenen Vereinskameraden würdig einzuweihen. Als Vorsitzender Hermann Strödter das Memorial enthüllte und Pfarrer Wilhelm Krämer die Namen der eingravierten 35 Freunde, die nicht von der Front zurückkehrten, vorlas, wäre der tief emotionalisierten Gästeschar nicht einmal das Fallen einer Stecknadel akustisch aufgefallen.
Zufriedenstellend, aber nicht phänomenal: Mit diesem lapidaren Resümee wird das Zeitfenster zwischen 1923 und 1927 überliefert. Die Germanen verkörperten in der Odenwald-Kreisliga infolge ihrer technischen Reife gehobenes Format. Zur „silbernen Hochzeit“ 1928 bezwang der Rasensportverein vor einer imposanten Kulisse die Darmstädter Lilien mit 3:2 und verteidigte bis zum ominösen Jahr 1933 seinen Ruf als sehr gute Adresse des Süddeutschen Fußballverbands.

Als Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 den einstigen Gelegenheitsmaler aus Braunau am Inn zum Reichskanzler ernannte, war es sowohl um die Weimarer Republik als auch um Glanz und Gloria rund um den Rasensportverein geschehen. Auf Druck des neuen nationalsozialistischen Regimes wurde 1934 der Reichsbund für Leibesübungen gegründet. Die Germania konnte allerdings nicht mehr an die alten Erfolge anknüpfen und stieg 1936 aus der Bezirksklasse ab. Jene Minderung der sportlichen Akzeptanz wurde zumindest durch den Aufstieg der Handballabteilung in die Beletage einigermaßen kompensiert.
1938 schnupperten die Fußballer ein letztes Mal an der nächst höheren Klasse, doch der finale zweite Platz stand einer Beförderung im Weg. Lange schwelende Fusionsgerüchte mündeten schließlich am 1. Juli 1939 im Zusammenschluss der wenigen noch existenten Sportinstitutionen zur „Gemeinschaft für Leibesübungen“ (GfL), wodurch die Germania ihre Selbstständigkeit verlor und von der Fußball-Landkarte verschwand.

Ca. zwei Drittel aller RSV-Mitglieder verweigerten dem vorab zum Scheitern verurteilten Retorten-Konstrukt den Zutritt. Trotzdem wurde diese Verschmelzung Jahre später als Grund vorgeschoben, dass die Germania bei der Auferstehung aus Ruinen ohne eigenen Sportplatz (mal wieder) ganz von vorne beginnen musste.
Doch das ist eine andere Geschichte. Punktgenau zwei Monate nach der umstrittenen „GfL“-Gründung nahm das Linienschiff „Schleswig-Holstein“ die polnische Westerplatte unter Beschuss und eröffnete damit den zweiten Weltkrieg, der sechs Jahre die lokalen sportlichen Aktivitäten zur unbedeutenden Makulatur degradierte und selbstredend den individuellen Überlebenskampf in den Fokus transportierte. Sämtliche Gedankenspiele für eine germanische Renaissance auf dem Bolzplatz wurden verdrängt, beileibe aber nicht vergessen…
